Aşık Veysel  Şatıroğlu (1894 – 1973)

 EINEM SORGENLOSEN MENSCHEN KANN ICH MEIN LEID NICHT ERZÄHLEN

Leben

"Im Jahre Dreizehnhundertzehn (1310) kam ich auf diese Welt"

Veysel Şatıroğlu kam im Jahre 1894 im Dorf Sivrialan des Sivas Landkreises Şarkışla zur Welt. Die Geschichte, wie Veysel das Licht der Welt erblickte, ist eigentlich die Geschichte vieler Kinder, die in anatolischen Dörfern zur Welt kommen. Allerdings ist seine Art der Geburt für jene, die heute auf ein solches Ereignis blicken, und vor allem für Außenstehende sehr interessant, ja sogar außergewöhnlich.

Als seine Mutter Gülizar Ana auf die Ayıpınar-Weide in der Umgebung von Sivrialan ging, um Schafe zu melken, überkamen sie die Geburtswehen. Auf dieser Weide wurde Veysel auf die Welt gebracht. Die Nabelschnur wurde von ihr selbst durchgetrennt, sie wickelte ihr Neugeborenes in ein Tuch und kehrte zu Fuß wieder in ihr Dorf zurück.

Die Familie von Veysel wurde von der Dorfbevölkerung "Şatıroğulları" (Die von den Şatırs abstammen) genannt. Sein Vater Ahmet, mit dem Spitznamen "Karaca" (dunkel) war Bauer. Als Veysel zur Welt kam, wurde das Volk von Sivas von den Pocken gequält. Zwei Mädchen, die vor Veysel geboren wurden, mussten durch diese Krankheit ihr Leben lassen.

Als Veysel sieben Jahre wurde, also im Jahre 1901, brach in Sivas die Pockenkrankheit erneut aus. Auch er wurde von dieser Krankheit angegriffen. Er erzählt diese Tage folgenderweise: „Bevor ich von den Pocken befallen wurde, hatte mir meine Mutter einen schönen "entari" (langes, loses Gewand) genäht. Ich zog dieses Kleid an und ging zur, von mir sehr geliebten Frau Muhsine, um es ihr zu zeigen. Sie hat mich liebkost. An diesem Tag gab es sehr viel Schlamm. Als ich nach Hause zurückkehrte, rutschte ich aus und fiel hin. Ich konnte nicht mehr aufstehen. Ich hatte die Pocken erwischt .... Die Pocken waren heftig. Das linke Auge wurde stark betroffen, doch für das rechte Auge sollte es noch schlimmer werden, ich bekam den Star. Von dem Tag an bis heute verdunkelte sich die Welt.“

Nach diesem Fall kam in Veysels Kopf immer wieder eine Farbe zum Vorschein; Rot. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurde seine Hand bei diesem Fall wund geschürft und blutete. Dies erzählt seine Frau Gülizar Ana folgendermaßen: „Es ist nicht unbekannt, von den Farben erinnert er sich nur an Rot. Bevor seine Augen erblindeten, also bevor er von den Pocken befallen wurde, ist er gefallen. Er sah Blut. Er konnte sich nur an die Farbe des Blutes erinnern. Rot.... Grün hat er mit den Händen erfahren und liebkost.“

Für das rechte Auge gab es eine Chance zu sehen. Zu dem Zeitpunkt konnte er noch Licht unterscheiden. In der Nähe des Dorfes, in Akdağmadeni, gab es einen Doktor. Man sagte seinem Vater „Bring dein Kind nach Akdağmadeni, dort gibt es einen Doktor, der ihm wieder die Augen öffnen kann.“ Sein Vater freute sich.

Allerdings wurde Veysel vom Unglück nicht losgelassen. „Als er eines Tages die Kühe molk, trat sein Vater zu ihm. Als sich Veysel plötzlich umdrehte, fuhr die Spitze eines Stockes, den sein Vater in der Hand hielt, in sein anderes Auge. Somit ging auch dieses Auge verloren.“

Veysel hatte einen älteren Bruder namens Ali und eine Schwester namens Elif. Die gesamte Familie hatte diesen Umstand sehr bedauert und weinte tagelang. Veysel begann dann an der Hand seiner Schwester spazieren zu gehen. Aber Veysel verschloss sich zunehmend. In dem Gebiet Emleg, in der Umgebung von Sivas, gab es viele Âşık-Dichter / Volkslieddichter. Auch Veysels Vater interessierte sich sehr für diese Gedichte und war der Tekke-Dichtung sehr zugetan. Er gab Veysel ein Saz, mit dem Gedanken, dass diese Beschäftigung seinen Schmerz etwas lindern würde. Er versuchte seinen Sohn zu trösten, indem er die Gedichte der Volkslieddichter vorlas und sie ihn auswendig lernen lies. Auβerdem kamen von Zeit zu Zeit die örtlichen Volkslieddichter in das Haus seines Vaters Ahmet Şatıroğlu und trugen ihre Gedichte vor. Veysel horchte mit großer Neugierde zu. Der Nachbar Molla Hüseyin pflegte die Saz und ersetzte gerissene Saiten durch neue.

Seinen ersten Unterricht bekam er von einem Freund seines Vaters, den aus dem Dorf Divriği stammenden Çamışıhlı Ali Ağa (Âşık Ala). Er selbst übte sich geduldig auf der Saz. Er begann die Gedichte von Meisterdichtern nachzusingen. Vor allem Çamışıhlı Ali macht Veysel mit der Welt der Volkslieddichter bekannt, die seine dunkle Welt erleuchteten. So lernt Veysel die Welt der Volkslieddichter wie Pir Sultan Abdal, Karaoğlan, Dertli und Rühsati kennen.

"In Âşık Veysels Leben kam es zur zweiten bedeutenden Veränderung. Sein Bruder Ali ging in den Krieg, der kleine Veysel blieb mit seiner, mit gerissenen Saiten versehenen Saz, allein. Nach dem Ausbruch des Krieges schlossen sich alle Freunde und Altersgenossen Veysels dem Krieg an. Auch dies war Veysel versagt ...

So öffnete sich für seine zurückgezogene Seele eine weitere Einsamkeit. Der Schmerz, ohne Freunde zu sein, sein Elend machte ihn sehr hoffnungslos, pessimistisch und traurig. Er verbrachte sein Dasein damit, unter dem Birnenbaum des kleinen Gartens zu liegen, in den Nächten auf den Baum zu klettern und dort seine Trauer mit dem Himmel und der Finsternis zu teilen.“

Diese Tage erzählt Aşık Veysel Enver Gökçe folgendermaßen:

"Ich betrete das Haus, mein Gesichtsausdruck ist mürrisch: Meine Mutter und mein Vater wissen über meinen Zustand nicht bescheid. Ich kann ihnen meine Trauer nicht erklären, in der Angst, sie zu verletzen. Sie glauben, dass ich aufsässig sei, ich drückte mich nur davor, meine Probleme zu erzählen, und zwar so, dass ich sogar der Saz überdrüssig wurde.“

Wenn darin auch etwas der Einfluss des Männlichkeitsbildes in Anatolien zu spüren ist, so ist es doch mehr Veysels Vaterlandsliebe, sein Gefühl, seine Schuld dem Vaterland zurückzuzahlen, das hier zum Ausdruck kommt. Später drückt er es in seinen Versen wie folgt aus:

"Wie schade, das Schicksal war nicht auf meiner Seite

Als das Volk den Feind in das Meer zurückwarf

Das Schicksal brach mir den Arm, gab mir keinen Dienst

Um dem Feind mit dem Schwert auf den Kopf zu schlagen.

Wenn es mir in diesen Tagen vergönnt gewesen wäre

Ich hätte nicht um einen Löffel Blut ersucht

Das vorherbestimmte Schicksal käme nicht zum Vorschein

Was ist diesem Veysel nicht alles zugestoßen."

Veysels Mutter und Vater verheiraten Veysel gegen Ende der Mobilisierung mit dem Gedanken „Vielleicht sterben wir und sein Bruder kann nicht auf Veysel schauen“ mit einem verwandten Mädchen namens Esma. Esma schenkt Veysel eine Tochter und einen Sohn. Sein Sohn stirbt bereits mit 10 Tagen, die Brustwarze der Mutter im Mund.... Die Schicksalsschläge Veysels enden nicht. Widrigkeiten und Pech folgen aufeinander. Am 24. Februar des Jahres 1921 stirbt seine Mutter, sein Vater 18 Monate später. Zu dieser Zeit beschäftigt er sich mit Gemüsegärten. In das Dorf kommen viele Âşık-Dichter, angefangen von Karacaoğlan, Emrah, bis zu Âşık Sıtkı, Âşık Veli, sie spielen mit ihrer Saz und tragen ihre Verse vor. Veysel bleibt dieser Musik in den Dorfzimmern nicht fern.

Als sein großer Bruder noch eine Tochter bekommt, nehmen sie einen Diener in ihren Dienst auf, um auf die Kinder aufzupassen und einigen Arbeiten nachzugehen. Dieser Diener ist später für einen weiteren Schicksalsschlag Veysels verantwortlich. Als Veysel eines Tages krank niederliegt und sein Bruder Ali Melisse sammelte, entführt dieser Diener Esma, Veysels erste Frau. Somit wurde Veysel in seinem geprüften Leben ein weiterer Schmerz zugefügt.

Als seine Frau ihn mit dieser Flucht verließ, hinterließ sie ein gerade sechst Monate altes Mädchen. Zwei Jahre trug er dieses Mädchen auf seinem Schoß, denn es blieb ihm nichts anderes übrig.

So schrieb er auch in einem seiner Gedichte:

"Das Schicksal ist gleichzusetzen dem Leid

Wo immer ich auch hingehe, es folgt mir hinterher."

Kurz gesagt, eine Kette tausender Schmerzen.

Er befindet sich nach all diesem in einem psychischen Zustand, in dem er nur mehr wünscht, zu fliehen, sich von dieser Welt zu entfernen. Im Jahre 1928 beschließt er gemeinsam mit seinem besten Freund İbrahim nach Adana zu gehen. Allerdings kann Deli Süleyman, ein im Sivaser Dorf Karaçayır lebender Âşık-Dichter, ihn von dieser Reise zurückhalten. Horchen wir Veysel zu:

"Dieser Mann horcht mir zu, wenn ich die Saz spiele, er unterbricht mich, wenn ich spreche. Ich gehe, sage ich, doch mit seinen Worten ‚Ah Freund, die Kinder werden bitterlich weinen, komm, geh doch nicht’, bindet er mir Hände und Füße. Endlich halte ich es nicht mehr aus, ich gehe nicht und damit basta. Und so gab ich diese Reise auf."

Veysels erstes Verlassen seines Dorfes: Ein Mann namens Kasım aus dem Dorf Barzan Baleni bei Zara bringt Veysel in sein Dorf und beide leben dort drei Monate gemeinsam unter einem Dach. Deli Süleyman, der ihn nicht nach Adana gehen ließ, und der Sivaser Kalaycı Hüseyin begleiten ihn. Auf dem Rückweg besucht Veysel die Dörfer Yalıncak bei Hafik und Girit bei Zara und ersteht für 9 Lira eine schöne Saz. Auf dem Weg von Sivas nach Sivrialan werden die Freunde von Bauernfängern betrogen und verlieren ihr gesamtes Geld. Auch die 9 Lira von Veysel werden eingesetzt und im Spiel verloren. Einige Zeit nach diesem Vorkommnis heiratet Veysel eine Frau namens Gülizar aus dem Dorf Karayaprak bei Hafik.

Im Jahre 1931 gründet Ahmet Kutsi Tecer, Literaturlehrer des Sivas Gymnasiums, gemeinsam mit seinen Freunden den "Verein zum Schutz der Volkslieddichter" Und am 5. Dezember 1931 veranstalten sie ein drei Tage währendes Fest der Volksdichter. Damit begann auch ein wichtiger Wendepunkt in Veysels Leben. Man kann durchaus sagen, dass die Bekanntschaft Veysels mit A. Kutsi Tecer seinem Leben einen neuen Anfang gegeben hat.

Bis zum Jahre 1933 singt er die Lieder und Verse von Meistern der Volkslieddichtung nach. Zum 10. Jahrestag der Republik verfassten alle Volkslieddichter unter der Anweisung von A. Kutsi Tecer über die Republik und Gazi Musfafa Kemal Verse. Darunter befand sich auch Veysel. Das erste eigenständige Gedicht Veysels beginnt mit der Zeile „Es war Atatürk, der die Türkei wieder auferstehen ließ....“. (Atatürk’tür Türkiye’nin ihyası...). Dieses Erscheinen des Gedichtes bedeutete auch gleichzeitig Veysels Verlassen seiner dörflichen Grenzen.

Dieses Heldenlied Veysels fand großes Gefallen bei Ali Rıza Bey, dem Kreisvorsteher Ağacakışlas, in dessen Zuständigkeit auch Sivrialan gehörte. „Lass es uns nach Ankara schicken“, wünscht sich Ali Rıza Bey. „Ich gehe selbst zum ‚Ata’ (Vater; Atatürk)“ antwortet Veysel und macht sich gemeinsam mit seinem loyalen Freund İbrahim zu Fuß auf den Weg. Diese zwei reinen Seelen, im tiefsten Winter barfuß und ohne Kopfbedeckung, erreichten nach mühevollen drei Monaten Ankara. In Ankara wurde Veysel von gastfreundlichen Bekannten als Gast aufgenommen und blieb in deren Haus 45 Tage. Auch wenn er leidenschaftlich davon spricht, dieses Heldenlied Atatürk vorzutragen, so ermöglichte es ihm sein Schicksal nicht. Seine Frau Gülizar Ana: „Erstens, er konnte nicht zum Vater (Atatürk) gehen; zweitens, er nahm nicht am Krieg teil; er klagte, war dies alles nur möglich...“. Allerdings wird das Heldenlied der Druckerei der Zeitung Hakimiyet-i Milliye übergeben und drei Tage hindurch erscheint es in der Zeitung. Danach wurde dieses Heldenlied Veysels im ganzen Land herumgereicht, wo es bekannt wurde, vorgesungen, geliebt und geehrt.

Diese Tage berichtet er folgendermaßen: „Wir haben das Dorf verlassen. Zu Fuß passierten wir die Dörfer Yozgats und Çorum-Çankırıs, innerhalb von drei Monaten erreichten wir Ankara. Wir hatten kein Geld, um uns ein Hotel zu nehmen. ‚Wohin gehen wir, was sollen wir machen?’ Dann wurde uns gesagt: ‚Hier gibt es einen Paşa Dayı (Anrede für einen alten Pascha) aus Erzurum. Dieser Mann ist sehr gastfreundlich.’ Dieser Paşa Dayı hatte ein Haus in dem damaligen Stadtteil Dağardı (heute: Atıf Bey Mahallesi). Wir gingen zu ihm und tatsächlich hat dieser gute Mann uns als Gäste willkommen geheißen. Wir blieben einige Tage. Damals gab es in Ankara noch keine Fahrzeuge, alles wurde mit dem Pferdewagen ausgeführt. Wir lernten einen Mann namens Hasan Efendi kennen, der einen solchen Pferdewagen besaß. Dieser hat uns zu sich nach Hause gebracht. 45 Tage blieben wir in Hasan Efendis Haus. Wir kommen und gehen, dieser Mann hat uns alles, vom Essen bis zum Bett, zur Verfügung gestellt. Ich sagte: ‚Hasan Efendi, wir sind nicht hierher gekommen, um spazieren zu fahren. Wir haben ein Heldenlied geschrieben. Dieses möchten wir Gazi Mustafa Kemal zu Gehör bringen. Wie sollen wir dies machen?’ Er antwortete: ‚Also wirklich, ich bin nicht der richtige Mann für solche Arbeiten. Aber es gibt hier einen Abgeordneten namens Mustafa Bey, seinen Nachnamen habe ich vergessen. Wir müssen dies diesem Mann mitteilen. Vielleicht kann er euch helfen.’

Und so gingen wir zu Mustafa Bey und erzählten ihm von unserem Anliegen. Wir haben ein Heldenepos geschrieben und möchten es Gazi Mustafa Kemal zu Gehör bringen. ‚Hilf uns!’ forderten wir ihn auf.

Er antwortete: ‚Ach, nicht doch! In dieser Zeit gibt es niemanden, der Gedichten und solchen Sachen Wert beimisst. Singt es an irgendeiner Ecke. Vergesst es und geht!’

'Nein, so nicht’, sagten wir. ‚Wir werden dieses Heldenlied Mustafa Kemal vortragen!'

Der Abgeordnete Mustafa Bey sprach daraufhin, ‚Also gut, singt mal vor, so dass wir es hören.’ Und wir trugen es vor, er horchte zu. Er sagte, dass er mit der in Ankara herausgegebenen Zeitung Hakimiyet-i Milliye sprechen werde und rief uns am nächsten Tag wieder zu sich. Wir kamen, doch er sagte, 'Es geht mich nichts an.’ Dann brach er das Gespräch ab. Wir kamen von ihm zurück und überlegten, was wir unternehmen sollten. Letztendlich entschieden wir uns dafür, selbst in die Druckerei der Zeitung zu gehen. Der çarşı (Markt) auf dem Hauptplatz von Ulus (früheres Zentrum von Ankara) wurde damals Karaoğlan Çarşı genannt. Dorthin gingen wir, um Saiten für die Saz zu kaufen.

An den Füßen trugen wir ‚çarık’ (grobe Bauernschuhe aus ungegerbtem Leder), an den Beinen einen şal-şalvar (weite Pluderhose aus Kaschmirstoff), eine Kaschmirjacke und um die Hüften einen großen ‚kuşak’ (Leibgurt)! Da kam die Polizei auf uns zu: ‚Halt. Es ist verboten in den Çarşı zu gehen!’ Sie wollten es uns nicht erlauben, im Çarşı Saiten für die Saz zu kaufen.

Die Polizei bestand weiter: ‚Verboten, sagen wir. Versteht ihr nicht, was ein Verbot ist?. Es herrscht ein großer Menschenauflauf. Geht nicht in die Masse!’

Wir antworteten, dass wir draußen bleiben würden, allerdings gingen wir weiter unseres Weges. Der Polizist kam wieder auf uns zu und drohte İbrahim: ‚Seid ihr unbewaffnet? Ich sage euch, dass ihr hier bleiben sollt! Ich werde deinen Kopf zerschlagen!’

Wir sagten, ‚Geehrter Herr, wir möchten uns nicht ausruhen. Wir möchten nur eine Saz-Saite im Çarşı kaufen!’ Der Polizist wies daraufhin İbrahim an, die Saite zu kaufen, und mich irgendwo hinzusetzen. So konnte İbrahim die Saite kaufen, die wir sofort an der Saz befestigten. Morgens konnten wir wieder nicht den Çarşı überqueren, doch letztendlich fanden wir die Druckerei.

'Was wollt ihr?’ fragte der Direktor.

'Wir haben ein Heldenlied geschrieben und möchten es der Zeitung überreichen.’, antworteten wir.

'Dann spielt mal, damit ich es höre!’, forderte er uns auf.

Wir spielten und er horchte uns aufmerksam zu.

'Ah! Sehr schön, es ist wunderschön!’ rief er aus.

Und es wurde in der Zeitung gedruckt.‚ Morgen wird es erscheinen. Kommt dann und holt euch die Ausgabe.’, wurde uns gesagt. Sie gaben uns auch etwas Geld als Urheberrecht. Am Morgen holten wir uns 5-6 Zeitungen. Wieder mussten wir über den Çarşı gehen.

Die Polizei: ‚Oh! Sind Sie Âşık Veysel? Machen Sie es sich gemütlich! Gehen Sie in ein Kaffee, setzen Sie sich!’ Es begann eine Zuwendung, fragen Sie nicht. Im Çarşı sind wir geraume Zeit spaziert. Allerdings hörten wir von Mustafa Kemal nichts. Wir sagten uns, ‚Daraus wird wohl nichts werden.’ Aber die Zeitung Hakimiyet-i Milliye veröffentlichte mein Heldenlied drei Tage hintereinander. Trotzdem hörten wir von Mustafa Kemal nichts. Wir entschieden, ins Dorf zurückzukehren. Allerdings hatten wir nicht mal Geld für die Rückreise. In Ankara hatten wir einen Rechtsanwalt kennengelernt.

Dieser Rechtsanwalt sagte, ‚Ich werde an den Bürgermeister einen Brief schreiben. Die Gemeinde wird Sie gratis in Ihr Dorf zurückbringen!...’ Und er überreichte uns einen Brief mit dem wir zum Gemeindeamt gingen. Dort sagte man uns: ‚Sie sind Künstler. Gehen Sie doch, wie Sie gekommen sind!’

Wiederum haben wir den Rechtsanwalt aufgesucht, der uns fragte, was wir gemacht hätten. Wir erzählten ihm unsere Geschichte. ‚Wartet, wir schreiben auch an den Gouverneur.’, sagte er und setzte ein Ansuchen an den Gouverneur auf. Der Gouverneur unterschrieb dieses Ansuchen und schickte uns wiederum zur Gemeinde. Doch die Gemeinde antwortete uns: ‚Nein! Wir haben kein Geld! Wir können Sie nicht zurückschicken!’.

Der Rechtsanwalt wurde ärgerlich und fluchte: ‚Verschwindet! Kehrt zu Eurer Arbeit zurück! Die Gemeinde Ankara hat für Euch kein Geld. Es ist verbraucht!’ Ich habe den Rechtsanwalt bedauert.

Während wir überlegten, was wir machen sollten und wie wir es anstellen sollten, fiel uns ein, dass wir doch auch beim ‚Halkevi’ (Volkshaus; Einrichtung der Republikanischen Volkspartei zur Hebung der Volksbildung und Verbreitung des Kemalismus) vorbeischauen sollten. Vielleicht würde dort etwas für uns herausschauen. Wir konnten nicht zu Mustafa Kemal vordringen, so wollten wir doch zum Halkevi gehen. Dieses Mal ließen uns die Türsteher des Halkevi nicht hinein. Wir blieben dort wie angewurzelt stehen.

Ein Mann kam heraus und fragte: ‚Was steht ihr hier herum, was treibt ihr?’

Wir antworteten: ‚Wir möchten in das Halkevi gehen, aber man erlaubt es uns nicht.’

Daraufhin sagte er: ‚Lasst diese Männer in Ruhe! Das sind bekannte Männer. Das ist doch Âşık Veysel!’

Dieser Mann schickte uns zum Direktor der Literaturabteilung. Dort begrüßte man uns: ‚Ah! Kommen Sie nur herein, kommen Sie nur herein!’ Im Halkevi befanden sich auch einige Abgeordnete. Der Direktor der Literaturabteilung rief diese herbei: ‚Kommt, es sind Volkslieddichter hier! Kommt und horcht zu!’

Necib Ali Bey, einer der ehemaligen Abgeordneten: ‚Holla, das sind aber arme Männer. Die schauen wir uns mal an. Denen müssen wir auch Anzüge machen lassen. Sie sollen doch am Sonntag im Halkevi ein Konzert geben!’

Tatsächlich kauften sie uns je einen Anzug. Und wir gaben an diesem Sonntag im Halkevi Ankara ein Konzert. Nach dem Konzert steckten sie auch Geld in unsere Taschen. So konnten wir mit diesem Geld von Ankara in unser Dorf zurückkehren.

Sein erstes ‚türkü’ (türkisches Volkslied), das er auf Platte sang, war ein Lied des bekannten Dichters Âşık İzzeti aus dem Gebiet Emlek:

"Ich bin Mecnun*, habe ich Leyla gesehen

Nur ein einziges Mal schaute sie und ging vorbei.

Weder sie sagte etwas, noch fragte ich

Sie verzog die Augenbrauen und ging vorbei

 

Ich stellte nicht mal ein paar Fragen

War ihr Gesicht wie der Mond oder wie die Sonne

Mir erschien es wie der Morgenstern

Das Licht blendete mich, als sie vorbeiging.

 

Ich hielt es nicht aus in diesem Feuer

Dieses Mysterium konnte ich nicht lösen

Ich sah die Morgendämmerung nicht

Wie eine Sternschnuppe so schnell war sie vorbei.

 

Ich weiß nicht welches Sternzeichen

Diesen unseren Schmerz mildert

Lies manche dieser schmachtenden Blicke

Der Liebesschmerz schlug ein in die Brust, sie ging vorbei.

 

İzzeti, wie geheimnisvoll ist es

Im Schlaf sah ich einen Traum

Die Locken, wie eine Schlinge haben sie mich gefangen

Der Liebesschmerz hängt um meinen Hals, sie ging vorbei."

* Mecnun ve Leyla (Liebesgeschichte von Mecnun und Leyla, alt. türkische Volkserzählung)

Mit der Gründung der "Köy Enstitüler" (Dorfinstitute mit spez. Bildungsaufgaben) wurde er wiederum mit Hilfe von Ahmet Kutsi Tecer Saz-Lehrer in verschiedenen Dorfinstituten, und zwar der Reihe nach in Arifiye, Hasanoğlan, Çifteler, Kastamonu, Yıldızeli und Akpınar. Auf diesen Schulen findet er die Gelegenheit, mit vielen intellektuellen Künstlern, die der türkischen Kultur ihren Stempel aufgedrückt haben, bekannt zu werden. Dabei entwickelt sich sein Gedichtstil immer mehr.

Im Jahre 1965 wurde Âşık Veysel von der Großen Türkischen Nationalversammlung insofern ausgezeichnet, als er mittels eines besonderen Gesetzes ein monatliches Einkommen vom Staat in der Höhe von 500 Lira für seine „Herausragenden Dienste an der türkischen Muttersprache und der nationalen Vereinigung“ zugesprochen bekam.

Am 21. März 1973, gegen 3.30 Uhr morgens, schloss er in seinem Haus in dem Dorf Sivrialan für immer seine Augen. Dieses Haus wurde ihm zu Ehren in ein Museum umgewandelt.

Wenn man Âşık Veysels Leben kurz zusammenfassen will, so finden wir die schönste Beschreibung dafür in den Sätzen von Erdoğan Alkan:

"Der Fluss Kızılırmak gleicht einem Fragezeichen. Er entspringt bei Zara und nach Hafik und Şarkışla verlässt er die Erde Sivas. Im Lauf eines Bogens bewässert er Kayseri, Nevşehir, Kırşehir, Ankara und Çorum, im Landkreis Bafra bei Samsun fliesst er ins Meer. Die Lebensgeschichte Âşık Veysels ist wie der Fluss Kızılırmak; Ein Ende bei Bafra, das andere bei Zara. Ein Leben voller Schmerzen, das bis nach Bafra reicht, genährt wird durch das reiche Wasser des Berges Kızıldağ östlich von Zara, und dort zuneige geht."

 

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