Âşık Veysel und Tradition

Wie in allen Völkern so haben auch die ältesten türkischen künstlerischen Werke ihre Wurzeln in mythischen Zeremonien.

Das bezüglich der türkischen Literaturgeschichte keine hervorragenden Quellen vorhanden sind, hat damit zu tun, dass diese sich auf einem weiten Feld ausgedehnt hat und immer in Bewegung stand, aber auch damit, dass die schriftliche Niederlegung dieser Werke sehr spät begann. Dies wird auch dadurch deutlich, dass man die ältesten Angaben zur türkischen Literatur und Geschichte in chinesischen Schriftstücken finden kann. „Die ältesten türkischen Dichter, wie Şaman von den Tongusen, Bo oder Bugue von den Mongolen und Boryatlaren, Oyun (Ouioun) von den Jakuten, Kam von den Altay Türken, Tadibei von den Samoiten, Tietoejoe von den Finovaren, Bksı-Bakşı von den Kirgisen oder Ozan von den Oghusen sind Zauber-Dichter. Diese Personen, die aus Berufen der Zauberei, dem Tänzer- und Musikertum und dem Heilwesen kamen, nahmen im Volk einen wichtigen Platz und Bedeutung ein. Zu verschiedenen Zeiten und Plätzen veränderte sich natürlich der Grad ihrer Bedeutung und ihres Einflusses, ihrer Kleider, ihrer verwendeten Musikinstrumente, ihrer hervorgebrachten Werke. Aber verschiedenste Eigenschaften und Aufgaben, wie die Darbringung von Opfern für die Götter im Himmel, Begrabung der Seele der Verstorbenen, Treffen von Vorkehrungen und Verhinderung von Schlechtem, Krankheit und Tod, die von bösen Geistern hervorgerufen werden, Sendung mancher verstorbener Seelen in den Himmel und Aufrechterhaltung von Erinnerungen wurden nur diesen Personen zugeschrieben. Für alle diese auβergewöhnlichen Tätigkeiten wurden natürlich besondere Zeremonien veranstaltet. Davon ist ein Teil in Vergessenheit geraten, einiges ist abgeändert worden, aber manche dieser Zeremonien werden nach wie vor bei den Kirgisen, Altay Türken und den Kasaken aufrechterhalten. Der Schamane bringt sich bei diesen Zeremonien in einen ekstatischen Zustand, trägt einige Gedichte vor und begleitet diese mit seinen eigenen Musikinstrumenten. Diese Worte, die einen geheimnisvollen, mysteriösen Charakter besitzen, gemeinsam mit ihrer musikalischen Vertonung, stellen die älteste Version des türkischen Gedichtes dar.“

Ist eines der verwendeten Musikinstrumente auf diesen Zeremonien die "davul" (große Trommel), so ist ein anderes zweifelsohne die "kopuz" (birnenförmige, ein- oder mehrsaitige Gitarre). Abdülkadir İnan sagt: „Die heutigen kirgisisch-kazachischen Schamanen verwenden nach wie vor die kopuz. Nach der Annahme des islamischen Glaubens wurde bei den Oghusen die kopuz von die Volkslieddichtern, die die Schamanen-Traditionen aufrechterhielten, als gesegnetes Instrument bezeichnet. Dede Korkut tritt bei allen seinen Veranstaltungen mit der kopuz auf und bei der Darbringung, Namensvergabe und Applaus stimmt er jedes Mal die kopuz an. Der oghusische Held sammelt durch den Laut der kopuz Kraft und siegt dadurch bei den Aufeinandertreffen.“

Es gibt mehr als genug Quellen, die darauf hinweisen, dass die türkischen Volkslieddichter bei diesen Zeremonien dieses Musikinstrument verwendeten. In den Dede Korkut-Erzählungen, von denen man annimmt, das sie im XIV. – XV. Jahrhundert niedergeschrieben wurden, kann die Existenz der heiligen Haltung gegenüber der kopuz gesehen werden. In der Erzählung "Uşun Koca Oĝlu Segrek Boyu" wird dies wie folgt ausgedrückt: "Hey, ich habe nicht im Namen Dede Korkuts die kopuz gespielt. Hätte er keine kopuz in Händen gehalten, hätte ich dich für den Kopf meines Ağas in zwei Teile geteilt! Und er riss ihm die kopuz aus den Händen."

Wie man bei allen primitiven Gesellschaften sehen kann, haben auch in der türkischen Gesellschaft die Volkslieddichter oder Schamanen, an die man sich auch mit dem Namen "baksi" erinnert, verschiedenste Aufgaben, wie das Vortragen von Liedern, Spielen der Saz, kopuz oder davul, Zauberei, Heilberufe und ähnliche verschiedene Tätigkeiten, auf sich genommen. In dieser Hinsicht besaßen sie auf die Gesellschaft einen wichtigen Einfluss.

Die Verbreitung der Arbeitsteilung hat auch für die Personen und Charaktäre, die wie die Volkslieddichter, Schamanen verschiedenste Tätigkeiten gleichzeitig durchführten, Veränderungen mit sich gebracht. Für religiöse Zeremonien gab es nun religiöse Gelehrte, für das Heilwesen Doktoren, verschiedenste Berufe entwickelten sich.

Prof. Dr. Umay Günay meint "Dass die durch die Annahme des islamischen Glaubens verschwunden geglaubte Tradition des Volkslieddichters und Schamanen fünf Jahrhunderte später plötzlich in einer islamisierten Form wieder auftaucht, ist unserer Meinung nach nicht möglich.“, erklärt dies folgenderweise: „Dass die Beispiele dieser Literatur aus den vergangenen Perioden noch nicht festgestellt werden konnten, ist Pech. Nach der Annahme des islamischen Glaubens waren die Türken mit dem Kampf und den Bemühungen, einen neuen Staat zu schaffen, beschäftigt. Es ist nur verständlich, dass mit den Anstrengungen, diese neue Religion zu verinnerlichen und auszubreiten, das Schaffen von Werken, die heute unter dem Begriff Tekke-Literatur bekannt sind, und dieser Kunst einen höheren Wert beizumessen, in den Hintergrund geraten ist. Allerdings darf man nicht vergessen, dass die ersten Werke diesbezüglich nicht mit der Reim- und Versform von der arabisch-persischen Literatur und jener der nachfolgenden Jahrhunderte, sondern mit unserer nationalen Versdichtung und nationalen Elementen zurm Vorschein kamen. Dabei ging die Tradition des Volkslieddichters und Schamanen einerseits teilweise in die Tekke-Literatur ein, andererseits versuchte sie sich selbst aufzulösen. Es wurde eine Flexibilität entwickelt, die immer ihre eigenen Regeln und Formen berücksichtigte und sich dabei jedoch neuen Bedingungen anpassen konnte. In den Dede Korkut Erzählungen, die im XV. Jahrhundert niedergeschrieben wurden und dem XI. - XII. Jahrhundert zugeschrieben werden, ist der Typus des Volkslieddichters, die Tradition des Gedichtvortragens das Vortragen der Verse, mit denen die Helden der Erzählungen mit Begleitung der Saz ihre Ereignisse und Gefühle ausdrückten, nicht unterschiedlich zur Âşık-Dichtung, die vom XVI. Jahrhundert bis heute verfolgt werden kann. Die charakteristischen Merkmale der Volkslieddichter-Schamanen-Tradition, wie Zauberei, Heilwesen, Religionsgelehrte etc. verschwanden nach der Übernahme des Islams. Die Âşık (Volkslieddichter) nahmen nun die Aufgabe der Erziehung und der Vertretung der Kunst auf sich."

Der als Âşık bezeichnete Künstlertypus kann als Erschaffer von Gedichten, einer Mischung aus Versen und Reimen bestehenden Erzählung, definiert werden. Boratav sagt: "...Er ist ein Künstler, der einerseits die alte Tradition der erzählenden Volksdichtung fortführt, aber andererseits, wie es auch der Name ausdrückt, Liebes- und melancholische Gedichte (eine Art der Lyrik) vorträgt. Seine Kreativität liegt in der improvisatorischen Wiedergabe: Er schreibt keine Gedichte, er singt sie. Bei ihm kann das Gedicht nicht von der Musik getrennt werden. Das heisst also, dass er nicht nur singt, sondern gleichzeitig spielt und singt. Die Volkslieddichter unterscheiden das Singen mit normaler Sprache und das Singen von Gedichten mit den Redensarten 'mit der Sprache singen' und 'mit den Saiten singen'. Damit möchte man ausdrücken, dass die begleitende Musik des Musikinstrumentes, der Saz, für den Âşık ein nicht wegdenkbares Element beim Vortragen seiner Gedichte ist."Boratav fügt hinzu: "Das heißt also, dass das Volksliedgedicht eine Kunstrichtung ist, die aus der gesprochenen Sprache entstanden und sich entwickelt hat. Es ist von der Musik nicht wegzudenken und beinhaltet Elemente wie Schauspieldramatik einer gemischten Erzählkunst."

Wenn man sich Âşık Veysel in dieser Tradition vorstellt, sieht man, dass wichtige Grundelemente der Âşık-Literatur wie das "bade içme" (Weintrinken) beim ihm nicht vorkommen, ebenso die Meister-Lehrling Beziehung; wie man auch in seiner Lebensgeschichte deutlich gesehen hat, ist Âşık Veysel durch eine Art Wegweisung zum Vorschein gekommen, war er nicht vollkommen und doch bis auf das Innerste mit dieser Tradition verbunden. Die Meister-Lehrling Beziehung bedeutet, dass man von einem Meister sowohl die Saz wie auch die Tradition lernt und eine gewisse zeitlang gemeinsam des Weges geht. Âşık Veysels Situation entsprach dem nicht. Zum Beispiel hat Âşık Veysel keine bade getrunken. Er war ein Âşık ohne bade. Auch findet man bei Âşık Veysel nicht das typische Element der Âşık-Dichtung, das Geschichten erzählen. Auch trifft man bei ihm nicht auf das traditionelle Aufeinandertreffen von Âşık-Dichtern, das in dieser Kunst so üblich war, also dem "atışma" (Wettbewerb), "muamma asma" (Rätsel aufgeben) oder "muamma çözme" (Rätsel lösen). Man findet bei ihm zwar manche atışma, doch sind diese nicht von der Art und Weise, wie sie in dieser Tradition üblich sind.

Natürlich nimmt Âşık Veysel in der türkischen Volkslieddichtung einen wichtigen Platz ein. Seine Verbundenheit mit dieser Tradition bringt er auch dadurch zur Sprache, dass er in einigen seiner Werke wichtige Volkslieddichter erwähnt: Karacaoğlan, Dertli, Ich stamme von Yunus ab, Ich habe manch ähnliche Eigenschaften wie Mansur. Aber dieses zur Sprache bringen ist nicht mit der üblichen traditionellen Art dieser Kunst zu vergleichen. In einem Gedicht singt er:

"Aus meiner vollen Hand habe ich getrunken

In verschiedenes Unglück bin ich gestürzt."

Diese Zeilen lassen zwar eine Verbindung zur Tradition des bade trinkens erahnen, in Wirklichkeit haben diese Zeilen aber nichts damit zu tun. Die Betonung von Adnan Binyazar, der meinte, dass Veysel auch aus voller Hand getrunken habe und somit das Recht habe, sich zu den Âşık-Dichtern zu zählen, ist in dieser Hinsicht wohl etwas übertrieben.

In der Arbeit von Kurt Reinhard mit der Überschrift „Typen der Âşık Melodie in der Provinz Sivas“ wird die als Âşık Veysel Richtung und die Âşık-Weisen Zentralanatoliens von den anonymen Volksliedern und –weisen folgenderweise unterschieden: „Die Âşık-Weisen stehen mit der Zahl der Halbverse in Verbindung. Wiederholte Wörter werden in einer offenen Form ausgesprochen. In den Weisen werden bestimmte Motive häufig wiederholt, bei dem Volkslied wird die Saz bei bestimmten Abschnitten eingesetzt. Das plötzliche Ende des Volksliedes oder deren langsamer werden gegen Ende des Stückes, hängt von der Stimmung des Saz-Spielers und dessen Können ab. Bei den Weisen der Âşık-Dichtung gibt es Beispiele, die sowohl die Linksstimme als Hauptton oder die ‚la’ und ‚mi’ Stimmen als Hauptton verwenden.

Die Âşık-Weisen teilen sich in zwei Gruppen ein, die Gruppe, bei der die Sprache im Verhältnis zur Musikweise im Vordergrund steht und die andere Gruppe, bei der die Melodie eine wichtigere Rolle einnimmt. Mit dem Fuss wird ein Rythmus vorgegeben, dem sich der Sprachrythmus anpasst. Bei der Gruppe, bei der das Wort im Vordergrund steht, wird die Musik verlangsamt und dem Fussrythmus angepasst. Die Musikweise bleibt somit häufig hinter den Worten zurück, manchmal wird auch die Musik ausgelassen, um die Worte besser verstehen zu können. In der anderen Gruppe, in der die Musik im Vordergrund steht, wird eine Silbe oft über mehrere Noten hinweg gesungen, wodurch der Text schwieriger zu verstehen ist."

Man erhält also, alles dies beachtend, folgendes Bild:1. Âşık Veysel ist nach klassischer Auffassung kein Âşık-Dichter, 2. die Tradition ist mit Âşık Veysel gebrochen.

Ahmet Kutsi Tecer macht diesbezüglich einen interessanten Vergleich und eine interessante Interpretation: „Während bei Âşık Veysel Veysel Şatıroğlu wieder zum Leben erwacht, wird bei Veysel Şatıroğlu Âşık Veysel beendet. Sein Unterschied zu denen, die aus der Periode des Tanzimat kamen, ist seine Stimme. Seine Saite wurde für uns gebunden. Die Saite des Tanzimat war eine imitierte. In einer Hinsicht war Veysel wie die anderen Zeitgenossen. Zum Beispiel, so häufig Ceyhun Kansu Veysel vorgetragen hat, so häufig hat auch Şatıroğlu Ceyhun vorgetragen. In dieser Hinsicht haben sich Veysel und seine Zeitgenossen gegenseitig angezogen. Wie unterschiedlich Ceyhun Kansu und Faruk Nafız Çamlıbel in ihrer Art und Weise sind, so unterschiedlich sind auch Şatıroğlu und seine Zeitgenossen. Der Unterschied, der Veysel von den anderen trennt, ist, dass er nicht wie sie aus der Tradition des Tanzimat kommt, sondern aus der Tradition des Volksgedichtes. Veysel Şatıroğlu hat als Âşık Veysel die Tradition des Volksgedichtes gelebt und ist in die heutige Zeit von dort gekommen.

Meiner Meinung nach ist die größte Besonderheit Âşık Veysels in seinem Bruch mit der Tradition zu sehen. Die Schwäche und schwere Didaktik seiner ersten Werke ist auch in diesem Faktum zu sehen."

Allerdings darf man nicht vergessen, dass man ihn nicht gänzlich von der Tradition abstrahieren kann. So wie Enver Gökçe sagte: "Die gemeinsamen Besonderheiten der Volksdichtung, wie die Untrennbarkeit von Worten und Saz, die idealistische Neigung und dessen Abstrahierung in den Volksgedichten, sind auch hauptsächliche Elemente der Kunst Âşık Veysels. Kurzgesagt ist Âşık Veysel, mit seinem natürlichen Einfühlungsvermögen, obwohl dieses nicht an eine bestimmt religiöse Klasse gebunden ist, mit seinen mystischen Seiten, seinem Verständnis vom Weltall, der Existenz, der Schöpfung, ein mit der Tradition verbundener Saz-Dichter."

Âşık Veysel ist somit traditionell, wie auch modern. Wenn wir später genauer auf seine Werke eingehen, so können wir dies detaillierter sehen. Allerdings kommt dies nicht von selbst, sondern ein Bewusstsein bringt ihn dorthin. Zum Beispiel, obwohl er in einer alewitischen Kultur aufgezogen wurde und sein Vater der "Tekke"-Tradition verbunden war, singt Âşık Veysel keinen "duvaz imam" wie alle anderen Volkslieddichter. In keinem einzigen Gedicht kommen die Wörter "Schah" oder "12 Imam" vor. Obwohl Âşık Veysel aus der alewitischen Kultur hervorgebracht wurde und seine besuchten Dörfer zum Großteil alewitische Dörfer waren. Sein Zeitgenosse Ali İzzet Ukan war indessen nicht so. Er war dabei so entschlossen, dass er das Werk Pir Sultans mit den Zeilen "Lass uns zum Schah gehen" abänderte. Das heisst, dass Âşık Veysel von seiner Umgebung in dieser Hinsicht von Anfang an geprägt war, oder dass er diese Haltung als Lebensphilosophie aufgenommen hat. Wie auch immer, Veysel war in dieser Hinsicht sehr konsequent. Und es gibt noch einen Punkt: Er distanzierte sich davon, ein Dorf- oder Landdichter zu sein. Veysel bricht aus dem Dorf nach außen. Es gibt noch eine soziale Umgebung, die sein Leben, seine Werke prägen: die Kleinstadt.

EINEM SORGENLOSEN MENSCHEN KANN ICH MEIN LEID NICHT ERZÄHLEN

 

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